Posted by on 24. Jan 2008 in bla | 2 Kommentare

Bücher, die sich mit dem, zugegeben, fiktiven Leben der eigenen Eltern – hier des Vaters – beschäftigen, sind immer eine heikle Sache. So ist es auch bei Laura Esquivels 2001 erschienenem Roman „Tan veloz como el deseo“. Aufgebaut wie eine Art Biographie mit Zeitsprüngen und aktuellen Bezügen, erzählt sie die Geschichte von Don Júbilo von dessen Jugend an über seine Liebes-, Lust- und Leidensgeschichte bis hin in die mühsame gegenwärtige Existenz im hohen Alter.

Faszinierend dabei ist allerdings weniger die auf dem Cover des Buches kitschig-süß angepriesene Liebe mit Hindernissen zwischen Júbilo und Luchita, der Frau und Mutter im Buch. Auch das dahinplätschernde Gesülze auf den ersten Seiten soll wohl mehr die romantisch verklärte Klientel zum weiterlesen ermuntern als ernsthaft in die Geschichte einleiten. Vielmehr ist es die journalistisch präzis und doch ausreichen einfühlsame Erzählung der wichtigsten Stationen im Leben des Vaters, die das Buch lesenswert macht. Etwa die Kindheit, in der der kleine Júbilo bereits als Schnittstelle zwischen seiner „amerikanisierten“, modernen Mutter Doña Jesusa und der traditionsbewussten Großmutter Doña Itzel, die auf Ihre Inka-Wuzeln stolz ist, fungiert. Die Sprache, die reizend eingeflochtenen Details über die Inka-Kultur und das Spiel mit den Erwartungshaltungen des Lesers machen die ersten Kapitel interessant.

Allerdings versteift sich die Autorin im gesamten Roman etwas zu sehr auf die scheinbar übermenschlichen Kommunikationsfähigkeiten Júbilos, der nicht nur die Inkasprache der Großmutter samt Intonation mit überraschender Präzision zu dechiffrieren weiß, sondern auch die Schwingungen der Erde und die Vibration seiner jungen Frau beim Telegraphen-Spiel auf ihrer Klitoris. Diese zusätzliche Dimension, die der sonst klassischen biographischen Love-Story mit Hindernissen (er arm, sie reich etc.) wohl Tiefe verleihen soll, wirkt bisweilen erzwungen und unnatürlich. Da muss dann schon mal eine kosmische Strahlung als Erklärung herhalten, wenn Júbilo beim Pokern nicht Gedanken lesen kann.

Dabei hat die Geschichte durchaus Potential, wie sich in der zweiten Hälfte des Buches zeigt. Die Konflikte, die sich über dem Paar zusammenbrauen, sind mit dem nötigen Gespür erzählt, um weder auf der Seite der Glaubwürdigkeit noch des Spannungsbogens Abstriche machen zu müssen. Die wahren Problem einer Beziehung, der menschliche Verlust der Kommunikationsfähigkeit auch nach vielen Jahren, die Depression Júbilos bis hin zum tragischen Unfalltod des zweiten Sohnes sind ergreifend erzählt und lassen endlich die ungeschminkte, auch traurige Entwicklung in der Buch-Biographie erkennen.

Jedoch bleibt wohl kein Buch mit Kitschfront ohne Happy End, auch das muss wohl als ungeschminkte Erkenntnis mitgenommen werden. So werden dann (im Buch!) zum Schluss noch die Augen feucht, wenn Luchita nach Jahrzehnten der inneren Vorwürfe und Schweigsamkeit ein „odio odiarte“ herauspresst und sich Júbilo mit der übersetzerischen Hilfe seiner Tochter noch ein klein wenig selbst geißelt und beide endlich einen Weg zueinander finden. Dann darf der wegrationalisierte Telegraphist auch am Ende friedlich sterben.