Posted by on 22. Apr 2006 in Uncategorized | 2 Kommentare

Früher war Peter Hahne DAS Gesicht des Zdf. Zumindest für mich und die „heute“ Nachrichten. Dann lernte ich die Medienlandschaft besser kennen, bildete mich politisch wie auch andersweitig und bin nun, wenn es nach ihm ginge, degeneriert in Sachen Ethik, Religion, Moral, whatever. Dann bekam ich sein Buch empfohlen und hab mich reingelesen.

Von 9/11 bis Erfurt geht es über Pisa zu den 68ern. Die TOP Kapitelüberschriften sind aber immer noch:
* Golgatha ist keine Zahnpasta
* Leben mit dem Powerbuch
* Holt Gott zurück in die Politik

Nein, das Buch ist keine fade Christenwerbung, auf keinen Fall. Eher ein mit unzähligen Zitaten [(Edward Albee, Johannes Rau, Peter Scholl-Latour, Reinhold Schneider, Die Zeit, Spiegel Tv, Robert Steinhäuser, Roman Herzog, Die Welt, Matthias Horx, Industrie- und Handelskammer Berlin, FAZ, ein junges amerikanisches Pärchen in Frisco, Franz Werfel, Shell Jugendstudie, ein Lehrer aus Hildesheim, Süddeutsche Zeitung, Einsatzleiter Polizei, Spiegel, Thomas, Thea und Roman Gottschalk, Weser Kurier) *auf den ersten 20 Seiten!*] gespicktes Meinungstranskript.

Die Zitationswut Hahnes mag nicht auf belesene Prahlerei zurückzuführen sein, jedenfalls nicht nur. Man erhält den Eindruck, alle aufgestellten Thesen würden mit kurzen Phrasen – von Goethe bis Habermas – bekräftigt. Dem ist aber nur zum Teil so.

Wirklich störend wirken aber diese strikten Denkmuster, die beim Lesen zum Vorschein kommen. Links ist gescheitert, rechts sag ich nicht, aber christlich sozial ist toll. Interessanterweise beschreibt aber gerade Hahne, dass die Gesellschaft, für die er dieses Buch schreibt, diese Muster zwar noch kennt, sie aber nicht verinnerlicht hat. Apolitische oder a-religiöse (ganz bewusst nicht atheistische) Haltungen und Indifferenz haben Einzug gehalten in den Wertekanon der Menschen. Schematische Einteilungen und darin implizierte Moral-Überraschungs-Eier können da schwer Gehör finden.

Die Gleichsetzung von Toleranz mit Gleichgültigkeit, von Ethik mit Christlicher Religion, von Selbstverwirklichung mit Selbstverherrlichung ist von solcher Unverfrorenheit, dass der Lesevorgang tatsächlich zum Abenteuer wird.
Auch die Aussage, Menschen ohne Gott würden versuchen, sich auf dessen Platz zu stellen ist grober Unfug. Zugegeben, wer sich nur unzureichend mit Metaphysik, sich selbst, kurz Gott und der Welt auseinandersetzt ist ein Ignorant und ausserdem ein relativ typischer Vertreter der vielkritisierten Spaßgesellschaft. Doch wer sich dazu entschließt, Gott nicht zu brauchen, nicht an einen zu glauben oder ohne ihn leben zu wollen schafft ja gerade den Platz ab, den eine solche Figur einnehmen würde.
Atheisten sind sich ihrer „Menschlichkeit“ sehr wohl bewusst. Von einem völlig anderem Todesverständnis ganz abgesehen.

Es ist das gute Recht Hahnes, ein seinen moralischen Vorstellungen entsprechendes Buch zu verfassen und zu publizieren. Bleibt nichts anderes, als sich Besserem zuzuwenden.